erschienen in Spex, April 2013

Das geschriebene Wort durchläuft eine Phase der Verwandlung: Die Vokale kommen ihm zunehmend abhanden. Durch die Digitalisierung haben tausende Versionen des Pidgin-Englisch, etwa das Geschäftsenglisch deutschsprachiger, das Popenglisch südafrikanischer oder das Politenglisch südamerikanischer Menschen, ihren Weg in eine breite Öffentlichkeit gefunden. Entscheidend ist dabei nicht die Unvollkommenheit, der Klang der Konsonanten ist es. Auch hintereinander weggerattert kann man sie noch aus­sprechen. Allerdings nur, wenn zwischen die Rachen­verschließlaute ein Sprossvokal springt, irgendwo zwischen I, E und Ä gelegen. Er hält die Wendung liquide. Und liquide, da stehen sie doch drauf im Netz. Chk Chk Chk zum Beispiel ist so ein Konsonantengeratter, in dem überdies das plane Zeitverständnis von Musik als regelmäßige Wiederholung rhythmischer Elemente zur Geltung kommt. Bevor Modeselektor zu MDSLKTR werden konnten oder SBTRKT und MSTRKRFT auftauchten, trieb die Jam-Band !!! das Einsacken der Vokale voran.

Wobei Chk Chk Chk bloß ein von der Gruppe gemachter Vorschlag zur Aussprache ist und sie dazu aufruft, jeden dreifach wiederholten einsilbigen Klang zu nutzen, um den Namen !!! zu verbalisieren. Abgesehen davon, dass Konzerte von !!! Feste kosmischer Megapower sind und dass sie mit »The Hammer« einen Rave-Track ersonnen haben, der diesem Phänomen einen Namen gibt, lieben natürlich Grafikmenschen derartige Bandnamen. »Konkret genug« und »lässt aber so viel Raum für meine Ideen!«, hört man sie rufen. Tatsächlich ist Thr!!!er (neben unzähligen EPs) bereits das dritte Album der Band, auf dessen Cover die drei Ausrufezeichen im Zentrum stehen. So gelungen und spritzig wie bei Thr!!!er war das Zusammenspiel von Bandname, Albumtitel und Artwork jedoch bisher nicht umgesetzt worden.

Ein Körper, dreifach in Wasser tauchend, lässt sich schnell als Ausrufezeichen entziffern. Die digitale Vervielfachung des ursprünglichen Motivs kündet von der Synthetisierung und Künstlichkeit eines einigermaßen anachronistischen Sports. Drei perfekt synchrone Synchronschwimmer beziehungsweise ­-taucher, flankiert vom Wort Thr!!!er, einer megalomanischen Michael-Jackson-Anspielung, die Sänger Nic Offer auf das Foto gekritzelt haben soll – das ist ein Bild von durchaus schenkelklatschendem Witz. Man könnte meinen, die Zeiten der Ziegfeld Follies am Broadway und der großen ornamentalen Menschenanordnungen seien noch nicht vorbei. Aus dem Bild lässt sich eine Referenzfülle lesen, die jede Retrodebatte dahin treibt, wo sie hingehört: ins Absurde. Das Foto des einzelnen Tauchers stammt ursprünglich von Chase Jarvis, einem Fotografen aus Seattle, der auf Sport und Action spezialisiert ist. Es ist Teil der Fotoserie Blue zum Thema Körper und Wasser, die ein athletisches Interesse nicht verleugnet, mit Synchronschwimmen aber nichts zu tun hat. Es geht um den Spaß, um das Liquide und, übertragen auf dieses Album, ums Eintauchen in einen der endlosen funky Chk-Chk-Chk-Jams. Also irgendwie um ein quasi pränatales Sorglos-Ding.

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