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Das Projekt Psychedelia: Wie lange wird es dauern, bis das menschliche Selbstverständnis sich durch vertiefte Beschäftigung mit Klängen, Farben, Substanzen fundamental ändert? Das Sound-Design samt Lebenskonzept, auf das Bands wie Avey Tare’s Slasher Flicks abheben, ist mittlerweile 50 Jahre alt. Als Grateful Dead und Timothy Leary und all die anderen kamen, hatte das psychedelische Ding seinen Kick aus existenziellen Traumata bekommen. Die USA kämpften in Vietnam, der Zweite Weltkrieg lag gerade 20 Jahre zurück.

Die Slasher Flicks nun: Ihre Schönheit ist durchaus eine gebrochene. Gerade in den Gesangsspuren ihres Hauptsongschreibers Avey Tare manifestiert sich die Suche nach dem Ich im Spiegel als Verliebtheit in die unendliche Selbstspiegelung. Seine Stimme ringt mit den Songstrukturen, im Gegensatz etwa zur Methode Animal Collective, der Hauptband Avey Tares: Dort hebt sich alles ineinander auf. Was zwar beim Hören auch zu Überforderung führen kann, aber stärker einem Verständnis von Chaos als Harmonie entspricht. Die Slasher Flicks aber wollen auch einfach mal ordentlichen, heftigen Rock hinbekommen.

In der Praxis geht das in etwa so: Avey Tare komponiert Skizzen auf der Gitarre und schickt diese an Angel Deradoorian, bekannt für ihre Arbeit mit Dirty Projectors. Wenn ihre Synthie-Flächen sirren, geht der so erweiterte Entwurf an Jeremy Hyman, Ex-Schlagzeuger von Ponytail sowie der Live-Band Dan Deacons. Hyman betreibt Drumming als Streuung von Kicks und haut beinahe Kerben in die Songs. »That It Won’t Grow« mit seinen Post-Core-Breaks etwa setzt zu einer Serie von tiefen Schlägen an, auf Snare und große Tom gleichzeitig, es rattert und braust, eine E-Gitarre zuckt in der Bewegung mit. Aber selbst dieser Rocksong ist beherrscht von einer Souveränität der künstlerischen Sprache. Die erfordert genaues Zuhören.

Der Trick: Nicht an Animal Collective denken! Was anfangs schwerfällt, da Avey Tares Stimme dort seit über zehn Jahren als Konstante dient und da gerade der Gesang ziemlich AC-mäßig abgemischt ist: mal quadratisch, mal sechseckig gezackt, schallt er aus der Mitte des Klangbildes, ohne es übertönen zu wollen. Aber ab dem zweiten Hören geht es.

Das Album webt einen Quilt aus Melos und Hippiekitsch, NYC-Coolness und L.A.-Vitalität – in einer Zeit, da Google unbeirrt weiter macht, Facebook aufrüstet und man kurioserweise denken könnte, Frank Schirrmacher wäre einer der schärfsten Analysten der kulturellen Gegenwart geworden. »Checkt doch bitte mal, dass jetzt gerade alles neu wird!«, so könnten die Slasher Flicks Schirrmacher paraphrasieren. Was die einen mit dem anderen zu schaffen haben? Sie wählen die Monstermetapher, um auf eine fundamentale Veränderung menschlichen Zusammenlebens hinzuweisen.

Enter The Slasher House ist damit zwar nicht der Soundtrack für das Leben im körperlosen Raum, der ist noch zu finden. Die energetischen Anordnungen aber nehmen olle Themen wie Zentrifugalkraft, Hebelgesetz, Trägheitsmoment, Pop-Hit (super zum Mitpfeifen: »Little Fang«) mit hinüber in einen möglichen musikalischen Raum ohne Schwerkraft.

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