VON DER BOHÈME ZUM PREKARIAT

VON DER BOHÈME ZUM PREKARIAT

ERICH MÜHSAM: TAGEBÜCHER
veröffentlicht am 11.11.2011 auf fluter.de, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung


Als würde Erich Mühsam sich dabei die Fingernägel schneiden und eine Melodie summen. So beiläufig klingt der erste Eintrag ins Tagebuch, datiert auf den 22. August 1910. Im Schweizer Bergdorf Château-d’Œx macht sich der Kurgast Mühsam „bei strömendem Regen“ ins Dorf auf, um sich ein Schreibheft zu kaufen. So beginnt eine Reihe von fünfzehn Tagebüchern. Der erste Band ist nun gerade erschienen, herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Pien im Berliner Verbrecher Verlag.

„Vorreiter aller antiautoritären Bewegungen“

Erich Mühsam wurde 1878 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Apotheker, konnte es sich leisten, den Jungen auf ein humanistisches Gymnasium zu schicken. Aus ihm sollte etwas werden. Aus Mühsam wurde dann auch was, nämlich ein schnörkelloser Anarchist und Schriftsteller. Nicht gerade das, was sich die Eltern für ihn vorgestellt hatten. Für Chris Hirte war Mühsam ein „Vorreiter der Basisdemokratie und aller antiautoritären Bewegungen“. Neben den Gedichten, den „Unpolitischen Erinnerungen“ sowie der Programmschrift „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ zählt Hirte die Tagebücher zu Mühsams markantesten Schriften: „Seine Tagebücher sind praktisch das Protokoll seines Versuchs, sich im Alltag als Anarchist zu bewähren – und im Selbstversuch eine alternative libertinäre Sozialethik zu erproben. Sie sind sein größtes, intimstes, auch literarisch sein bedeutendstes Werk.“

In jenem Sommer 1910, als er sich das Tagebuch kauft, hat er gerade einen Gerichtsprozess hinter sich. Mühsam, der mittlerweile in München lebte und sich für den „Sozialistischen Bund“ des einflussreichen Anarchisten Gustav Landauer einsetzt, war wegen „Geheimbündelei“ angeklagt worden. Der Prozess endete zwar mit einem Freispruch, der Autor wurde danach aber von der bürgerlichen Tagespresse – die zu seinen Auftraggebern zählte – boykottiert. Liebeleien, Geldsorgen und Politik: Das sind die Themen seines ersten Tagebuch-Bandes. Nicht zu vergessen die stets schwelende Hoffnung, „seinen Johannes“ sehen zu können. Mit Johannes Nohl, dem in Ascona lebenden Anarchisten, Schriftsteller wie er selber, teilt Mühsam die politischen Ansichten, und gerne auch das Bett.

Schwabinger Künstlerkreise

Am 22. September 1910 schließlich kehrt der Wiedergenesene zurück nach München. Er ist wieder Teil des ausgelassenen gesellschaftlichen Lebens in den Schwabinger Künstlerkreisen, und zugleich versucht Mühsam, seine Karriere wieder anzuschieben. Der hagere Mann mit dem Vollbart ist hocherfreut, wenn Landauer in einem Aufsatz seinen Ansichten über die „Freiheit in Sexualdingen“ ganz unerwartet zustimmt. Er turtelt mit Schauspielerinnen, verbringt seine Nächte mit verschiedenen Zimmermädchen. Über Monate laboriert er im Sommer 1911 an einem Tripper und ärgert sich maßlos darüber, was ihm deshalb durch die Lappen geht.

Das Leben der „Halbgesellschaft“, wie Mühsam die Münchner Bohème unter Einfluss der Schauspielerin Gertrude Eysoldt, des Theaterautors Frank Wedekind und des Schriftstellers Heinrich Mann nennt, spielt sich dabei in den immer gleichen Lokalen ab, etwa dem als „Café Größenwahn“ bekannt gewordenen Café Stephanie oder im Kabarett Simplicissimus. Hier wird über Politik gestritten und über den „neuen Menschen“, der seine Identität aus den verschiedenen Aufbruchs- und Reformbewegungen jener Jahre erhält. Beim Pokern gewinnt Mühsam mehr, als er verliert. Seine Geldsorgen sind trotzdem groß.

Das Leben des Prekariats

Im ersten nun publizierten Band der Mühsam-Tagebücher entsteht das Panorama einer ganz eigenen Gesellschaft, die in ihren Grundzügen aber überraschend vertraut wirkt. Zudem kann man in dem Mühsam des Tagebuchs einen liebenswürdigen Menschen entdecken; einen scharfsinnigen Kommentator seiner Zeit. Sein Ton kann innerhalb weniger Sätze umschlagen: von dem Horror, den er wegen des Geldmangels empfindet, in die zärtliche Sprache des Verliebten. Sich zu verlieben oder zu vergucken, gehört, wie man aus diesem Tagebuch erfährt, zu den Lieblingsbeschäftigungen des Dichters. Mühsam entpuppt sich als Drama Queen.

In der Nacht des Reichstagsbrandes vom 27. auf den 28. Februar wurde Mühsam 1933 im Rahmen eines Großeinsatzes gegen prominente Gegner der NSDAP verhaftet. Am 10. Juli 1934 wurde der Anarchist und Schriftsteller im KZ Oranienburg von der SS ermordet. Heute kennen ihr nur noch wenige, obwohl sein Einfluss nach wie vor groß ist. „Er wirkte durch sein öffentliches Auftreten, seine geradlinige Haltung, die sich gegen alle Formen der Macht richtete, und wurde so zum bedeutendsten und bekanntesten deutschen Anarchisten, ohne theoretische Schlüsselwerke verfasst zu haben“, sagt Chris Hirte.

Parallel als Buch und im Netz

Mit Hirte und Piens konnte der Berliner Verbrecher Verlag zwei ausgewiesene Mühsam-Experten dafür gewinnen, die Tagebücher für eine Herausgabe zu editieren. Hirte veröffentlichte schon 1995 einen Band mit Auszügen aus den Tagebüchern, während Conrad Piens zusammen mit seiner Frau Irina schon länger das Team hinter muehsam.de bildet.

Zu Recht hat der Masterplan des Verlages und der Herausgeber, alle 15 Bände der Tagebücher Erich Mühsams zu veröffentlichen – jedes halbe Jahr eines bis zum Jahr 2018 – große Medienaufmerksamkeit erhalten. Flankiert werden die Tagebücher von der neuen Mühsam-Website. Hier werden die Tagebücher, soweit erschienen, unter anderem als Faksimile – in Mühsams Handschrift – bereitgestellt. Und dazu gibt es ein Register mit Erläuterungen zu den wichtigsten Personen, die in dem Journal vorkommen. Im Frühjahr 2012 erscheint der nächste Band, in dem es um die Jahre 1911 und 1912 gehen wird. Es wird also noch viel zu entdecken geben.

Erich Mühsam: Tagebücher. Band, 1910-1911 (Hg: Chris Hirte, Conrad Piens, Verbrecher Verlag 2011, 351 S., 28 €)

Christoph Braun (40) beschäftigt sich für sein im Frühjahr 2012 bei Tropen erscheinendes literarisches Sachbuch mit dem Thema „Hacken“.

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