ZONEN DES KOPIERENS

veröffentlicht am 4.11.2011 auf fluter.de, Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung

Dirk von Gehlen: Mashup

„Diese Jargons stehen sich unversöhnlich gegenüber“, sagt Urs Gasser im Interview mit Dirk von Gehlen, dem Autor von „Mashup. Lob der Kopie“. Gemeinsam mit John Palfrey hat Gasser 2008 eine Studie über „digital natives“, die „Generation Internet“ herausgebracht. Mit „Jargons“ bezieht Gasser sich auf die nach wie vor harten Fronten zwischen denen, die Musik und Filme aus dem Web am liebsten ganz umsonst haben möchten – und jenen, die abschreckende Anti-Raubkopie-Spots drehen. In von Gehlens Buch, einem Plädoyer für einen neuen Begriff von der Kopie, steht Gasser Rede und Antwort zum Thema „Teilen“ und „Stehlen“.

 
Das Ideal des neuen Zusammenhangs

„Mashup“ war mal groß in Mode. Richard X in London, DJ Shir Khan in Berlin und in Gent die 2ManyDJs montierten von Beginn des Jahrtausends an markante Bassfiguren, Schlagzeug-Muster und Gesangsmelodien aus verschiedenen Hits und Club-Tracks zu Verschnitten. So entstanden neue Musikstücke, Kunstwerke, die rein aus dem Kopieren bereits vorhandener Ideen in einen neuen Zusammenhang hinein entstanden waren. Wenn Dirk von Gehlen seinen Suhrkamp-Band also „Mashup“ nennt, dann benennt er damit ein Ideal. Dieses wilde Mixen machte ja eine Zeit lang großen Spaß. Bis man sich daran überhört hatte.

Der 1971 geborene Dirk von Gehlen hat als Chefredakteur von jetzt.de Zugang zu jenen Leuten, die durch ihre Arbeit in den Bereichen Musik, Film und sogar Medizin an die Grenzen des immer noch gültigen Verständnisses von „Original“ und „Kopie“ stoßen. Da von Gehlen sein „Mashup“ explizit als „Streitschrift“ versteht, variiert er in den Interviews mit diesen Menschen jedes Mal sein Thema: die Beschränktheit des althergebrachten Rechtsverständnisses. „Im Mittelpunkt steht dabei eine Spurensuche, mit deren Hilfe ich nachzuvollziehen versuche, welche Schäden die freie Kultur bereits nimmt (und noch nehmen wird), wenn die Kopie mit unverhältnismäßigen Mitteln bekämpft wird“, schreibt der Autor in der Einleitung.

 

Besser als die Originale

So unterhält er sich mit David Dewaele von 2ManyDJs und Soulwax über Kopien in der Musik. Als Koordinator der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen kann Oliver Moldenhauer ihm berichten, dass so genannte Generika mittlerweile unverzichtbar etwa in der AIDS-Bekämpfung sind. „Ich würde sogar sagen: Die Kopien sind besser als die Originale“, sagt Moldenhauer über die wirkstoffgleichen Kopien eines bestimmten patentgeschützten Medikamentes. Markus Beckedahl darf noch einmal das Konzept von Creative Commons erklären, einer Alternative zum Copyright.

Wenn von Gehlen mit Anaïs Hostettler vom Magazin Copy Paste Reality über so genannte „Versions“ redet, dann wird daraus ein sehr aufschlussreiches Interview über das breite Feld der neuen Kopiertechniken. Denn die Versions als ganz eigene Fan-Interpretationen von Filmen und Video-Clips bieten ein passendes Beispiel für das breite Feld der neuen Kopiertechniken, „vom Remix übers Mashup zur Hommage oder zur Parodie“, wie Hostettler aufzählt. So ist der Boden bereitet, wenn von Gehlens Schlussplädoyer in der Zeile gipfelt: „Wir können nicht nicht kopieren.“

Diese Pointe sitzt – angesichts einer Veröffentlichung, die selbst die Ästhetik des „Mashups“ propagiert und auch selbst ein solches Mashup ist; ein Text aus unterschiedlichsten Quellen, in unterschiedlichsten Tonlagen. Im Umherschweifen durch die Zonen des Kopierens liegt seine Stärke.

 

Dirk von Gehlen: Mashup. Lob der Kopie (Edition Suhrkamp, 233 S., 15 €)

 

 

 

Christoph Braun (40) beschäftigt sich für sein im Frühjahr 2012 bei Tropen erscheinendes literarisches Sachbuch mit dem Thema „Hacken“.

Foto: ©Gerald von Foris

 

 

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