BASS: MELODICA IN MOLL

-September 2011-

Trossingen 1958: Der Mundharmonika- und Akkordeonhersteller Hohner stellt ein neues Instrument vor. Mit der Melodica, einer tragbaren, durch Lufthauch zum Klingen gebrachten Klaviertastatur, soll ein günstiges Instrument den neuen Bedarf durch die musikalische Früherziehung decken. Von Beginn an gilt die Melodica deshalb als Kinderinstrument.

Kingston, 1970: Der 15-jährige Horace Swaby spielt seine erste Aufnahme im Studio ein. Das Besondere daran ist sein Instrument. Swaby hat eine für jamaikanische Verhältnisse gute Schule besucht und sich regelmäßig in die Kapelle des Kingston College eingeschlichen, um dort heimlich auf der Kirchenorgel zu spielen. Doch mit der Melodica verblüfft er alle Anwesenden im Aquarius-Studio des Produzenten und Labelbetreibers Chin Loy. Nicht lange, und das Instrument macht ihn auf der Insel zur Berühmtheit. Swaby nennt sich Augustus Pablo. Seine Version des Lee “Scratch” Perry-Riddims “East Of The River Nile” löst bereits 1971 auf Jamaika die “Far East”-Manie aus; Pablos charakteristisches Moll wird für eine Weile zur Trendtonart der Insel. Längst zählt der Rastafari Augustus Pablo zurecht zu den Unverzichtbaren des Dub: Die stilprägenden Produktionen des King Tubby sind ohne Pablos Melodica ebenso undenkbar wie Perrys Spielchen mit Raum und Zeit.

Evessen, 2011: Drei Wieder-Veröffentlichungen zeigen Augustus Pablo in unterschiedlichen Kontexten. In allen dreien verblüfft der Mann an der Melodica damit, wie einfach er spielen kann. Und zeigt, dass die Melodica mit ihren hingehauchten Tupfen unschlagbare Allianzen eingehen kann mit dem Wiederholungseffekten Echo und Delay oder dem Hall, der in der Musik einen Abstand zwischen Signal und dem Moment des Hörens setzt.

Da ist Augustus Pablo, der Mann mit der Melodica. Auf VP Records/ Groove Attack werden die instinktreichen Reisen auf den Pfaden von Soul und Rhythmus aus der Frühzeit jetzt wiederveröffentlicht. Bei Pablos frühen Signatur-Songs “Java” oder “Dub Organizer” sitzt sein Schulfreund Clive Chin am Mischpult. Chin nimmt auch die Original-Versionen von “Java Java Java Java” auf, ein Dub-Album, das 1973 und damit im selben Jahr erschienen ist wie die weitaus bekannteren “Blackboard Jungle Dub” von Perry und “”Aquarius Dub” von Herman Chin-Loy. VP veröffentlicht nun dieses Album, an dem Pablo als Melodica-Spieler  beteiligt gewesen ist, in Instrumental-Versionen wieder.

Außerdem gibt es noch Augustus Pablo, den Produzenten: Er produzierte Riddims für die bekannesten Reggae-Stimmen Jamaikas, darunter Horace Andy. Und er legte nochmal Hand an seine eigenen Tracks. Die Compilation “Message Music” versammelt digitale Nachbauten von Stücken wie “Java” oder “War Dub”. Verglichen mit den ätherischen Originalen klingen sie nach Holzschnitt. Holzschnitt mit Kick.

Kingston, 18. Mai 1999: Horace Swaby stirbt an den Folgen seiner Krankheit im Alter von nur 40 Jahren. Über Jahrzehnte litt er an der seltenen Autoimmunerkrankung Myasthenia gravis.

Augustus Pablo “This Is Augustus Pablo”, Clive Chin “Java Java Java Java” (beide VP Records/ Groove Attack”), Augustus Pablo “Message Music” (Pressure Drop)

via BASS: MELODICA IN MOLL : Hacken.

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